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SILKE GRABINGER: FLYING HIGH!

By 11. März 2019 No Comments

Ein Interview mit Silke Grabinger und den Oberösterreichischen Nachrichten

Oberösterreichische Nachrichten – Von Von Helmut Atteneder, 02. März 2019 – 00:04 Uhr
Photo © Alexander Schwarzl, Silke Grabinger, Weihbold Volker

Die Linzer Tanzakrobatin Silke Grabinger ist der Prototyp einer Nomadin. Aber wo hat das Unstete seine Homebase und warum verschmäht man Hollywood, um in Linz zu leben?

Ratata zsong! Wie sich werdende Mütter doch freuen, wenn sie erste Klopfzeichen aus dem Bauchraum spüren. Aber dieser Rhythmus war dann doch ganz anders. Er hatte Beat. Er groovte. Es war, als tanze jemand einen ausgelassenen Bauchtanz. Ein paar Monate später wird Silke Grabinger geboren. Sie hat es eilig. Es ist ein Notkaiserschnitt. Das war vor 37 Jahren.

Es folgt ein Leben im Zeitraffer. Endlich auf der Welt, hineingeboren in eine Wohnung im grünen Plattenbau mit freier Sicht auf den Stadtfriedhof St. Martin, gerät sie in eine Bewegung, die dem Bild von der natürlichsten Sache der Welt gerecht wird. Der Stoff an der Kinderwippe ist bald durchgescheuert, und wenn sie krabbelt, holt keiner sie so schnell ein. Das Bewegungstalent kommt zum Ballett. Doch Pas de deux im Tutu ist ihr zu langweilig. Die blonde Göre, der man später im Trauner Gymnasium Talentfreiheit in darstellender Kunst attestieren wird, will Breakdancerin werden.

Tanz der Instinkte

Auf der Straße ist sie das einzige Mädchen, das sich mit Burschen misst. Mit Erfolg. 2001 gewinnt sie die B-Girl-Battle in Berlin, geht nach England und dann weiter nach Montreal. Dort wird Silke Grabinger als erste Österreicherin zum Mitglied des fantastischen Cirque de Soleil geadelt. Noch immer hat sie keine abgeschlossene Tanzausbildung. Sie wird engagiert, bewundert, geliebt. Weil sie beim Tanzen eine Art Wildkatze wird, ein Raubtier mit dem angeborenen Instinkt, der authentisch genau das über den Körper herauslässt, was er fühlt.

1117 Mal tanzt sie beim „Cirque“ das Haupt-Solo zur Beatles-Nummer „Why My Guitar Gently Weeps“. „Das hältst du nur unter zwei Prämissen aus: Entweder du schaltest ab und tanzt fabriksmäßig.“ Oder? „Du beginnst jeden Abend wieder von vorne. Als hättest du die Nummer noch nie getanzt“, sagt Silke Grabinger. Schwer zu erraten, dass die Linzerin sich zweieinhalb
Jahre lang bis zu zehn Mal die Woche wieder aufs Neue hineinbegibt ins Innerste, das den Zauber der persönlichen Note ausmacht. Danach wollen sie alle die Grabinger, die sich als Marke SILK etabliert. Sie lebt und tanzt in Paris, in Berlin, in Südfrankreich, in Wien und in New York. Die Welt scheint so grenzenlos, wie ihre scheinbar die Schwerkraft überwindenden Bewegungen. Dann kommt das Angebot aus Hollywood, und Grabinger macht etwas, das auf den ersten Blick nicht passt, weil es wie Feigheit anmutet: Sie sagt nein. „Weil man dort wie ein Stück Fleisch behandelt wird.“ Das ist nichts für eine unzähmbare Individualistin.

Silke Grabinger lässt sich nämlich nicht gern dreinreden. Im Leben nicht und auch nicht, wenn es um ihre Profession geht. Noch merkwürdiger ist aber die räumliche Kehrtwendung. Die in Langholzfeld (Pasching) Aufgewachsene kehrt heim. Sie sagt: „Okay, dann machen wir eben, was keiner machen würde.“ Eine Tanzkompanie in Linz. Heute ist „SILK Flügge“ mit rund 35 Tänzern aus aller Welt international gefragt, geprobt wird in der Linzer Tabakfabrik.
„Will wissen, wie weit ich gehen kann“

Die mittlerweile ausgebildete Luftakrobatin und studierte Medienexpertin sowie Raumdesignerin hat mit ihren Arbeiten viele Preise gewonnen. Das ist kein Ansporn, das kommt von selbst, wenn man alles gibt und genauso viel verlangt: „Ich mag das Risiko und will immer wissen, wie weit ich gehen kann. Für mich gibt es keine Probleme, nur Lösungen“, argumentiert Grabinger so, wie man es meist nur aus männerdominierten Führungsetagen hört.

Das Heimkommen der Polyglotten, der Vielsprachigen ist auch ein Zur-Ruhe- Kommen. „Zuhause ist, wo ich verstanden werde, aber auch hinterfragt. Manchmal hilft es schon, einmal die Landstraße hinauf und hinunter zu gehen.“ Denn ein dem Tanz gewidmetes Leben, wie Silke Grabinger es meint, kostet auch Kraft.
Wo ist jemand, der die ganze Welt betanzt hat, eigentlich zu Hause? „Dort, wo meine Familie ist.“ Das kommt, ohne nachzudenken. Heimat, das sind auch Wurzeln, und die sind im Fall von Silke Grabinger tiefe, komplizierte. Die Großeltern, Donauschwaben aus Werschetz im heutigen Serbien, verschlägt es nach dem Zweiten Weltkrieg ins Lager am Bindermichl. Die Mutter ist ein echtes Lagerkind.


Der Duft von Fischpaprikasch


Silke Grabinger erinnert sich noch an die Art zu reden, an ausgelassene Familienfeste und den raumgreifenden Duft von Fischpaprikasch. Aber auch an Gespräche unter vorgehaltener Hand, wenn es um die NS-Zeit ging. Grabinger fährt 2017 nach Werschetz, weil eine Frage immer wieder auftaucht: „Warum trage ich so viel Nomadentum in mir, so viele Kulturen?“ In Werschetz atmet sie tief durch, saugt Gerüche ein und lernt verstehen, wo sie herkommt. In Linz setzt sie daraus ein vielbeachtetes autobiografisches Tanzstück um.Die Familie, das Heimatstück, besonders dann, wenn ein Eckpfeiler wegbricht. 2013 erkrankt Grabingers Vater schwer. Die Tochter verbringt zwei Monate bei ihm. Bis zum Schluss. Nach einem Schlaganfall entwickeln die beiden eine ganz eigene Sprache, um einander zu verstehen. Der Vater gibt der Tochter mit: „Die Familie ist das Wichtigste.“


Junge Klopfzeichen


Apropos: „Es wird a Bua“, sagt die 37-Jährige und streichelt ihre markante Bauchrundung liebevoll. Jetzt ist sie selber Heimat. Im Mai ist es so weit. Eine Überraschung sei „es“ gewesen, aber die anfängliche Unsicherheit, ob Mütter als Künstlerinnen zensuriert werden könnten, ist grenzenloser Freude gewichen. Der Kleine fühlt sich in seinem Babyhaus wohl. Seine Klopfzeichen sind außergewöhnlich und rhythmisch.

Ratata zsong! Das kommt uns doch bekannt vor. 

Ballett war ihr schnell zu langweilig. 
Aus dem Leben einer Tänzerin und Luftakrobatin
Auftritt bei der Galanacht des Sports im Jahr 2011. 
Im Tanzstudio in der Linzer Tabakfabrik
Wer klopfet an? Silke Grabinger wird im Mai Mutter, und ihr Sohn scheint ähnlich rhythmisch begabt